Spricht man mit externen Beobachtern oder verbitterten Eisenhüttenstadtflüchtern über die kleine Stahlstadt an der Oder, so hört man nicht selten stereotype Absegnungen wie "kulturloses Proletenkaff" und sogar etwas Beleidigendes. Und lauscht man manchmal bestimmten, das Straßenbild dominierenden Vertretern der Einwohnerschaft bei ihrem Small Talk in Dumpfdeutsch: "Besser wird det nich, nur schlechter und die da oben nehm uns eh alles weg aber wat will man schon machen." (letzten Samstag, Lindenallee gegen 10:00 Uhr) und beobachtet dazugehörige Verhaltens- und nonverbale Artikulationsweisen dieses Menschenschlags in seinem Habitat, so ist man ab und an geneigt, dem zuzustimmen. Dies wäre aber völlig am Ziel vorbei, denn der Kulturbegriff in erweiterten Auslegung schließt alles ein, was der Mensch sich geschaffen hat und schafft, also alles was nicht naturgegeben ist. Dazu zählt auch diese "Natur des Menschen" und solche Zivilisationsgüter wie Arbeitslosigkeit, Arbeitsunwilligkeit und Arbeitssucht. Und selbstverständlich auch die in dieser Weltregion von Punk bis Jurastudent, von Maler bis Malermeister, von Low Income bis High Income frank und frei praktizierte Bierkultur. Diese kulturelle Fundierung des Seins gilt ohne Zweifel besonders für eine Stadt, in der sogar der Ansiedlungswillen primär rational-menschlicher Entscheidung und bestenfalls sekundär natürlicher Gegebenheit geschuldet ist.
["Wo die Kultur hinfällt und Sinn macht (oder auch nicht)" ... »]

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